Tja, die Frage ist durchaus berechtigt. Vorweg, es geht mir schon lange nicht mehr um die neuste Technik, die meisten Megapixel, den schnellsten Autofokus...

Ich mag einfach das schlichte Design der Kameras aus Wetzlar, alles wirkt auf das Wesentliche reduziert, dabei sind Objektive und auch Kameras aber so wertig verarbeitet, dass kommende Generationen noch ihren Spass mit der Technik aus Hessen haben werden bzw hatten (meine drei Objektive sind alle aus dem letzten Jahrtausend).
Mein Kamera-Kit ist komplett gebraucht gekauft. Das Schöne bei Leica ist, dass die Preise bei gebrauchter Hardware relativ stabil sind und mit wenig bis keinem Verlust wieder verkauft werden kann, was gerade auf die M Objektive sowie die Messsucher Kameras zutrifft. Mein SL Gehäuse (Typ 601) hat sich auf dem Gebrauchtmarkt ebenfalls bei gut 1200€ eingependelt, und ich denke, dass der Preis nicht weiter sinken wird.
Leica M oder Leica SL?
Für viele ist das keine technische, sondern eine fast philosophische Frage. Die M steht für Tradition, Reduktion, Messsucher-Magie. Die SL wirkt moderner, technischer, ketzerisch betrachtet vielleicht sogar „unleicahaft“.
Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – ist die Leica SL (Typ 601) für mich die bessere Kamera..

Ich liebe das Konzept der M. Wirklich.
Die Nähe zum Motiv, das entschleunigte Arbeiten, das Gefühl, bewusst zu komponieren. Aber irgendwann habe ich gemerkt: In meiner Realität funktioniert die SL für mich einfach besser.
Ich fotografiere viel spontan. Street. Menschen. Momente, die nicht warten.
Ich bewege mich zwischen Licht und Schatten, zwischen Kontrast und Gegenlicht, zwischen ruhigen und chaotischen Situationen.
Belichtung, Kontrast, Weißabgleich – alles live im Sucher. Kein Interpretieren, kein Nachdenken darüber, wie der Messsucher das später übersetzt. Ich sehe das fertige Bild, bevor ich auslöse. - Das gibt mir Freiheit.
Der elektronische Sucher ist kein Kompromiss – er ist für mich ein wichtiges Werkzeug bei der Nutzung.
Viele romantisieren den optischen Messsucher. Und ja, er hat Charakter. Aber der EVF der SL 601 ist für mich eines der stärksten Argumente für die SL Modelreihe. Gerade als Brillenträger und in Verbindung mit Objektiven, welche die M nicht mit passendem Rahmen unterstützt wie zB 24mm Brennweite.
Ich sehe:

Gerade mit meinen manuellen M-Objektiven – 24mm, 50mm, 90mm – ist das präziser, schneller und ehrlicher.
Ich muss nicht schätzen. Ich sehe. Gerade bei Portraits mit sehr geringer Schärftentiefe bei 90mm.
Und wenn ich Schwarzweiß fotografiere, sehe ich das Bild bereits als Schwarzweiß. Das verändert, wie ich komponiere und Licht bzw Kontraste sehe.
Durch die Verwendung von Leica M Objektiven hat die Kamera bereits auch passende Korrekturprofile mit an Bord, die entweder händisch oder automatisch (bei der Verwendung des Leica Bajonett Adapters sowie 6Bit kodierten M-Objektiven) genutzt werden können.
Und ja, ich habe einige M Modelle ausprobiert - die M 240 , die M 246 (mit einem monochromen Sensor und fantastischer Grauabstufung) sowie die M 10 - alle mit optionalen EVF Aufstecksucher, welcher sich aber immer wie ein Fremdkörper angefühlt hat, von der geringeren Sucherauflösung gegenüber der SL mal ganz zu schweigen.
Die SL ist wahrlich kein zierliches Werkzeug. Sie ist massiv. Schwer. Fast brutal in ihrer Verarbeitung. Gefertigt für die Ewigkeit mit einer auf das Minimum reduzierten Optik.
Also genau mein Geschmack 🙂 .
Sie liegt satt in der Hand. Selbst mit größeren Objektiven fühlt sie sich ausbalanciert an. Sie ist ein Werkzeug, kein Schmuckstück. Und das Gehäuse ist hart im Nehmen. Wirklich. Ich habe nicht das Gefühl, etwas Zerbrechliches zu tragen. Ich habe das Gefühl, mit einem Instrument zu arbeiten.
Ein Argument für die M ist oft: Reduktion. Konzentration auf das Wesentliche. Aber für mich bedeutet die SL nicht Ablenkung, sondern Möglichkeiten:
Mit der SL kann ich reagieren, ohne über Technik nachzudenken. Kein regelmässiges überprüfen des Messsuchers. Kein Fokus-Shift. Kein „Habe ich exakt getroffen?“.
Gerade bei offener Blende oder bei sich bewegenden Personen ist das für mich entscheidend. Ich will im Moment sein – nicht im technischen Prozess.
Die SL 601 ist 2026 keine „neue“ Kamera mehr, sie wurde 2015 vorgestellt. Aber genau das macht sie für mich interessant.

Sie liefert einen klaren, ehrlichen Sensor, der nicht wie bei den nachfolgenden Modellen von Sony stammt, sondern von der eher unbekannten Firma CMOSIS. Farben wirken neutral. Schwarzweiß hat Tiefe. Die Dateien sind robust, dynamisch, belastbar. Und das HighIso Bildrauschen bei Schwarzweiß Aufnahmen hat durchaus analogen Charakter.
Die SL 601 kostet inzwischen nur einen Bruchteil dessen, was eine M (gebraucht oder neu) kostet. Nur eine M8 rangiert in ähnlichen Gefilden wie die Ur-SL
Für mich ist sie kein Kompromiss. Sie ist eine bewusste Entscheidung.
Gar keine Nachteile? Natürlich gibt es die. Welche Kamera hat keine? Schlussendlich ist die Wahl der richtigen Werkzeuge auch immer eine Persönliche. Was mir sofort bei Nachteilen einfällt, ist der nicht kippbare Monitor (erst ab dem Model SL3 eingeführt) sowie der Akku-Preis von 140€ pro Stück. Aber Leica war halt noch nie günstig.
Ich habe die Ur-Q (Typ 116, preislich ab 1800€ gebraucht) sowie die Q2 schon besessen und auch damit fotografiert, damit erstellte Fotos sind auch auf meiner Portfolio-Seite zu finden. Und während ich die Größe, Gewicht, Haptik und auch die Qualität des EVF als "verdammt nah am Ideal" bezeichnen würde, so hat mich persönlich die Reduktion auf nur eine Brennweite (ein Summilux 28mm / f1.7 ist fest verbaut) doch immer gestört - ich mag es einfach flexibel.
Die Leica M EV-1 - in meinen Augen eine Q3 mit Wechselbajonett - wäre für mich tatsächlich der Gipfel der Gefühle, aber aktuell mit einem Gebrauchtpreis von rund 7000€ keine Option. Aber die Preise werden in den nächsten Jahren fallen und ich werde sie im Auge behalten.
Ich verstehe jeden, der die M (und natürlich auch die Q) liebt. Ich respektiere das System, seine Geschichte und seine Philosophie.
Aber für meine Art zu fotografieren – Street, Menschen, dokumentarische Momente – gibt mir die Leica SL 601 mehr Kontrolle, mehr Sicherheit und mehr Freiheit.
Nicht, weil sie moderner ist. Sondern weil sie mir erlaubt, mich ganz auf das Bild zu konzentrieren.
Und am Ende zählt nur das.